Alvarado vs. Alvarado

Am Ostersonntag müssen sich die Costaricaner in einer Stichwahl entscheiden
Opinion26.03.2018David Henneberger
Das lateinamerikanische Paradies hat kleine Kratzer bekommen - und Sonntag droht ein Riss
Das lateinamerikanische Paradies hat kleine Kratzer bekommen - und Sonntag droht ein RissCC BY-SA 2.0 commons.wikimedia.org/ Arturo Sotillo

Es ist das Osterfest alljährlich
für den Hasen recht beschwerlich.
Heinrich Christian Wilhelm Busch

Die Ticos, so nennen sich die Costaricaner selber, erkennen ihr Land derzeit nicht wieder. Am Ostersonntag müssen sie sich in einer Stichwahl zwischen dem Evangelikalen Fabricio Alvarado und dem Mitte-Links-Kandidaten der aktuellen Regierungspartei PAC, Carlos Alvarado, entscheiden. Ersterer der beiden Alvarados blickt auf eine Karriere als christlicher Sänger zurück, letzterer war u.a. Arbeitsminister der aktuellen Regierung und kann mehrere Universitätsabschlüsse, u.a. einen Master in Entwicklungsstudien von der University of Sussex, vorweisen. Inkongruent wie die beiden Lebensläufe sind auch die Meinungen der Costaricaner über die beiden Herren: als Sozialisten oder religiöse Fanatiker beschimpft man sich gegenseitig, Bekannte „entfreunden“ sich auf Facebook - der Umgangston ist rau. Das passt so gar nicht zum selbst kultivierten Image des friedlichen, naturverbundenen Landes, in dem der gesellschaftlich Zusammenhalt stärker zu sein schien als bei seinen krisengeschüttelten Nachbarn in Zentralamerika.

Das Narrativ ging bislang so: Costa Rica, das bereits 1948 sein Militär abgeschafft hatte, konnte die so freiwerden Mittel über Jahrzehnte in den Aufbau seiner Bildungs- und Sozialsysteme stecken - eine breite Mittelschicht profitierte vom positiven Entwicklungspfad. Ein vergleichsweise hohes Bildungsniveau, niedrige Verbrechensraten und der einzige Rechtsstaat in der Region, der diesen Namen auch verdient, sorgten für kontinuierlich fließende Direktinvestitionen und konstantes Wirtschaftswachstum. Das alles kulminierte in der Analogie von der „Schweiz Zentralamerikas“, in der immer berechtigter Stolz auf bereits Erreichtes, aber doch auch heimliches Wissen um Autosuggestion mitschwang.

Das Land hat vieles richtig gemacht, keine Frage. Costa Rica ist ein Touristenmagnet, will als erstes Land der Welt CO2-neutral werden, die Gewaltenteilung funktioniert und die gesellschaftlichen Debatten bewegen sich auf einem Niveau, das Europa nicht unähnlich ist. Aber die Fassade hat zu bröckeln begonnen - übrigens auch ganz buchstäblich in der Hauptstadt San José, die ästhetisch wenig mit Zürich gemein hat. Das Preisniveau ist hoch – auch durch protektionistische Anwandlungen, Bürokratie sowie hohe Steuern und Sozialabgaben hemmen die wirtschaftliche Entfaltung, die Rentenkasse ist in extremer Schieflage, OP-Termine werden mit monatelangen Wartezeiten vergeben, Korruptionsfälle häufen sich zumindest gefühlt (vieles kommt heute zum Glück auch einfach ans Licht), die Verbrechensraten steigen und das jährliche Haushaltsdefizit liegt mittlerweile bei über 6% des BIPs - Tendenz steigend.

Viele machen durchaus zu Recht die Regierungspartei PAC (Partido Acción Cuidadana) mit ihrem Präsidenten der letzten vier Jahre, Guillermo Solis, mitverantwortlich, vor allem für ihre Untätigkeit, ihren Etatismus und zahlreiche Korruptionsskandale – aber die eigentlichen Gründe für die Misere liegen doch tiefer. Der Vergleich mit Deutschland vor den Schröderschen Reformen drängt sich auf. Das Land hat sich über Jahrzehnte hinweg in einem staatsgläubigen Konsens behaglich eingerichtet und lebt maßlos über seine Verhältnisse. Notwendige Veränderungen rufen erbitterten Widerstand der betroffenen Interessengruppen hervor – die politische Motivation zu tiefgreifenden Reformen ist mithin gering.

Wer in die ärmeren Regionen des Landes fährt, z.B. die Provinz Limón an der Karibikküste, weiß mit dem Schweiz-Vergleich ohnehin nicht mehr viel anzufangen. Wellblechhütten säumen die holprigen Straßen, Kinder spielen barfuß mit abgenutzten Fußbällen davor, die Armut ist greifbar. Und genau hier hat Fabricio Alvarado seine stärksten Ergebnisse in der ersten Runde erzielt. Seine Machtbasis, die evangelikalen Kirchen, sind gerade in diesen benachteiligten Regionen in den letzten Jahren geradezu aus dem Boden geschossen. Die meist mit einem überaus gesunden Geschäftssinn ausgestatteten Kirchenchefs sind clever in die Lücke gestoßen, die ihnen der Staat hier geboten hat.

Eine evangelikale Kirche in Costa Rica
Eine evangelikale Kirche in Costa RicaCC BY-NC 2.0 Flickr.com/ Claudius Prößer

Lateinamerikaweit schätzt man den Anteil der Evangelikalen an der Bevölkerung bereits auf 20% - politisch braut sich hier gerade der perfekte Sturm zusammen. Denn rechte Parteien und evangelikale Pastoren beginnen gemeinsame Sache zu machen  oder evangelikale Kirchenmänner treten einfach gleich selbst an – wie Fabricio Alvarado. Es ist eine neue Spielart des Populismus, den die New York Times „inclusive intolerant“ nennt. Damit ist die Umarmung der unteren Bevölkerungsschichten von dieser rechten Allianz gemeint – gemeinsam wird dann vor allem gegen Frauenrechte und die „Homosexuellenlobby“ gehetzt.

In Costa Rica stiegen Fabricio Alvarado und seine Partei der nationalen Restauration (PRN) sogar erst deutlich in der Wählergunst, nachdem kurz vor der ersten Wahlrunde am 4. Februar der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte von seinen Mitgliedsstaaten verlangte, homosexuelle Ehen gleichzustellen. Ohne dieses zeitlich sehr ungünstige Verdikt hätte es Fabricio aller Wahrscheinlichkeit gar nicht in die Stichwahl geschafft. So aber konnte er den Punkt zu einer Frage der nationalen Souveränität hochstilisieren und sich als Kämpfer für die Opfer von „Genderwahn“ und „frühkindlicher Sexualisierung“ darstellen.

Allerdings - und dies ist eine weitere der vielen Debatten, die Costa Rica sträflicherweise nicht gründlich geführt hat – profitiert Fabricio von der Sonderrolle, die die Religion in Costa Rica spielt. Als eines der ganz wenigen Länder der westlichen Hemisphähre ist Costa Rica nicht laizistisch, sondern weist die römisch-katholische Kirche in Artikel 75 seiner Verfassung als Staatsreligion aus. Der „Deal“ für den Verfassungsrang war jedoch stets, dass Kirchenvertreter nicht aktiv in die Politik eingreifen dürfen. Nun ist Fabricio Alvarado kein Katholik und doch hebt er die mangelhafte Trennung von Staat und Religion, die es jedem liberalen Staatstheoretiker seit der Aufklärung kalt den Rücken herunterlaufen lässt, auf ein neues, völlig inakzeptables Niveau. Leider hört man dazu auch von vielen, wirtschaftswissenschaftlich so bewanderten, Mitte-Rechts-Politikern aus anderen Parteien kaum etwas.

Fabricio Alvarado und sein Kontrahent Carlos Alvarado
Fabricio Alvarado und sein Kontrahent Carlos AlvaradoCC BY-SA 4.0 commons.wikimedia.org Iosepe | Presidencia de la Repùblica de Costa Rica

Nach der durchwachsenen Bilanz der vergangenen Jahre ist es zwar verständlich, dass vielen Ticos der Appetit auf vier weitere Jahre PAC vergangen ist. Nur: Fabricio Alvarado war ohne jedes wirtschaftliche Konzept bei der ersten Runde angetreten. Es ging um Hass auf Minderheiten und wenig mehr. Erst jetzt scharen sich zahlreiche Vertreter anderer Parteien, insbesondere der sozialdemokratischen Partido Liberación Nacional (PLN), um den Evangelikalen – in der Hoffnung auf ein schönes Pöstchen nach den Wahlen. Auch wenn durchaus einige ausgewiesene Wirtschaftsfachleute darunter sind, ist es recht verwegen, ausgerechnet von einer Allianz PRN/PLN die notwendigen Reformen zu erwarten. Letztere haben das Land jahrzehntelang geprägt und wurden von Korruptionsskandalen noch wesentlich stärker durchgeschüttelt als die PAC in den letzten vier Jahren. Diese wiederum ist für die zweite Runde ein Wahlbündnis mit der christdemokratischen Partido Unidad Social Cristiana (PUSC) eingegangen, der wirtschaftspolitisch liberalsten der relevanten politischen Kräfte.

Costa Rica, das trotz allem paradiesische Land in Zentralamerika, steht vor einer ungewissen Zukunft – der Ausgang der Wahlen ist nach sich widersprechenden Umfragen völlig offen. Entweder bekommt am Ostersonntag ein gemäßigter Kandidat letztmalig die Chance zu einer grundlegenden Erneuerung des Landes oder der Hase vergisst die christliche Nächstenliebe und legt den Ticos eine Handvoll fauler, mit Hass und Ausgrenzung gefüllte, Ostereier in das Nest.

David Henneberger ist Projektleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Zentralamerika.